Historie > Vortrag Prof. Friedrichs, 1996
DIE KÖLNER CITY MORGEN
Vortrag vor der "Interessengemeinschaft Neumarkt"
aus Anlaß ihres zehnjährigen Bestehens
in der Kreissparkasse Köln, Neumarkt
21. August 1996
Prof. Dr. Jürgen Friedrichs
Universität zu Köln
Forschungsinstitut für Soziologie
Greinstr. 2, D - 50939 Köln
Tel.: (0221) 470 - 2409
DIE KÖLNER CITY MORGEN
Jürgen Friedrichs
Eine Strategie für die Kölner City zu entwickeln ist fraglos notwendig. Bevor ich auf einzelne Elemente einer solchen Strategie eingehe, halte ich es für sinnvoll, zuerst
eine Diagnose zu geben und hierbei auf Entwicklungen einzugehen, von denen die Innenstädte aller Großstädte betroffen sind. Es lassen sich dann besser die allgemeinen
Probleme von den besonderen der Kölner City trennen.
1. DIAGNOSE
Vorteile der City
1. Die komparativen Vorteile der City gegenüber den Nebenzentren, seien es innerstädtische oder periphere, liegen eindeutig in der Nutzungsmischung und der Erreichbarkeit.
Die Vielfalt des Angebotes führt zu einer Vielfalt der Besucher. Für die Besucher bedeutet solche Vielfalt dreierlei:
- sicher zu sein, alles zu finden,
- mit dem Einkaufen zahlreiche Aktivitäten koppeln zu können,
- Leute beobachten zu können, denn die Vielfalt der Besucher ist selbst eine Qualität
- und ein Element der Attraktivität
2. Die Möglichkeit, unterschiedliche Aktivitäten zu koppeln, hat sich in allen empirischen Untersuchungen als der entscheidende Vorteil der City gegenüber den Stadtteilzentren
erwiesen. Der überwiegende Teil der Citybesucher kommt nicht für eine Aktivität, sondern für mehrere; typischerweise wird das Einkaufen mit mindestens einer anderen Aktivität gekoppelt, meist
einer Freizeitaktivität. Stadtteilzentren werden hingegen stärker für eine Aktivität, Einkaufen, aufgesucht. Nach den Ergebnissen unserer Studien in verschiedenen deutschen Innenstädten und
Stadtteilzentren
tritt diese Kopplung von Aktivitäten bei 40 - 50% der Innenstadtbesucher, aber nur bei rd. 15% der Besucher von Nebenzentren auf.
3. Die Erreichbarkeit der City war lange ihr herausragendes Merkmal. Inzwischen sind die Innenstädte immer schlechter mit dem Pkw zu erreichen und die Zahl der Parkplätze reicht nicht aus.
Gleichzeitig werben die Nebenzentren, speziell die
Einkaufszentren, mit der Zahl ihrer Parkplätze; sie sind außerdem durch den öffentlichen Personennahverkehr fast ebenso gut erreichbar wie die Innenstädte. Dennoch sollte
man die Attraktivität der City nicht allein von deren Erreichbarkeit mit dem Pkw und - damit verbunden - der Zahl der Stellplätze abhängig machen. Die Erreichbarkeit ist
eher von der Qualität des ÖPNV - Netzes abhängig als von der Zahl der Stellplätze.
Besucher
4. Die Besuchshäufigkeit der City ist eine Funktion der Entfernung des Wohnortes von der City: Je entfernter von der City eine Person wohnt, desto seltener - oder gar nicht - wird die City
aufgesucht. Und: Je besser die Ausstattung der Nebenzentren ist, desto eher wird eine Person, für die das Nebenzentrum rascher erreichbar ist als die City, das Subzentrum besuchen.
5. Im Gegensatz zu den USA finden wir in deutschen Studien, daß die City eine fast repräsentative Stichprobe aus den Einwohnern der Stadt zieht. Um die Besucherstrukturen
von City und Stadtteilzentren genauer darzustellen, wähle ich die Ergebnisse einer Klassifikation, die wir in unserer Hamburg-Studie erarbeitet haben.
- City-orientierte: 17,3%; alle sozio-demographischen Gruppen.
- Stadtteilzentrums-orientierte: 22,1%; höhere Anteile von 45 - 54jährigen Personen mit Kindern, halbtags Erwerbstätigen.
- City- und Stadtteilzentrums-orientierte: 32,0%; höhere Anteile von Männern, 22 - 44jährigen, ganztags Erwerbstätigen, Haushalten höheren Einkommens.
- Auf sonstige Zentren Orientierte: 28,4%; höhere Anteile von über 55jährigen, Personen geringer Bildung, Haushalten niedriger Einkommen.
6. Wer kommt nicht? Vorliegende Studien stimmen darin überein, daß ein mangelndes Angebot hochwertiger Güter und Dienstleistungen dazu führt, daß Haushalte der oberen Einkommensgruppen unter den
Citybesuchern unterrepräsentiert sind. Sie suchen stattdessen die Innenstädte benachbarter Städte auf. Das zeigen empirische
Untersuchungen für Oberhausen, Wolfsburg, Hamburg-Harburg und Augsburg.
Gefahren
7. Die Position der City ist keineswegs unangefochten. Dies zeigen unsere Studien in verschiedenen Großstädten, aber auch die umfangreichen "Untersuchungen Kundenverkehr" der
Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großhandelsbetriebe (BAG) seit Anfang der 80er Jahre. Noch immer führt ein Ausbau der Nebenzentren, weniger der gewachsenen als der geplanten, zu einer
höheren Aktivität. Es gibt kaum ein Einkaufszentrum, das nicht den natürlichen Vorteil der City zu organisieren versucht und als "Erlebniseinkauf" propagiert. Es gibt keinen anderen Ort als
die
Stadtmitte, die eine so hohe Vielfalt der Nutzungen und Aktivitäten aufweist. Die Stadtmitte ist daher potentiell allen Nebenzentren an Attraktivitäten überlegen.
8. Die Filialisierung des Einzelhandels stellt zunehmend ein Problem für die Innenstädte dar. Die Filialisierung schafft Vorteile für die Unternehmung, nicht aber für die
Innenstädte. Sie hat dazu geführt, daß sich
- der Einzelhandelsbesatz in den Innenstädten und Nebenzentren zunehmend angleicht
- der Einzelhandelsbesatz der Innenstädte und damit auch die Innenstädte zunehmend gleichen,
- sich eine City-Arbeitsgemeinschaft kaum bilden läßt, denn die Filialisten werden nicht gegen ihre Nebenzentren-Interessen einseitig dafür operieren, die City zu stärken.
Hier nimmt Köln die Spitzenposition aller 84 untersuchten Städte mit 88,1% ein. Im September 1992 lag der Filialisierungsgrad noch bei 63,1%. Dieser Wert gilt für die
gesamte Ia-Lage, in der Hohen Straße liegt der Wert bei 93,9% und in der Schildergasse sogar bei 96,6%.
Bemerkenswert hieran ist nicht allein die Höhe des Filialisierungsgrades, sondern auch die geringen Unterschiede in den Teilen der City. (Soweit hierfür Daten vorliegen,
denn z.B. Pfeil- und Mittelstraße wurden nicht ausgewiesen.) Auch hierin unterscheidet sich Köln von anderen Großstädten: hierfür zwei Beispiele:
- in Düsseldorf schwankt der Wert zwischen 63,3% (Königsallee) und Flinger Straße (81,1%).
- In Hamburg schwankt der Wert zwischen 68,2% (Mönkebergstraße) und 56,4% (Jungfernstieg).
9. Ein weiterer Grund sind die hohen Bodenpreise und die damit verbundenen hohen Mieten. Der kleinteilige Einzelhandel wird aus den Ia-Lagen verdrängt. Ein differenzierter und kleinteiliger
Einzelhandel musste sich zunehmend in Nebenlagen, zumindest
aber den Nebenstraßen der Haupteinkaufsstraßen, niederlassen. Die Folge ist in fast allen Großstädten eine Zweiteilung der Innenstädte; sie ist auch an den
unterschiedlichen Filialisierungsgraden erkennbar.
10. Die zunehmende Zahl der Fachmärkte im Umland der Städte, die sich zudem räumlich klumpen und weitere Fachmärkte anziehen, schwächt ebenfalls die Position
der City. Es bedarf einer Entscheidung von Fall zu Fall, ob die Kommune es zuläßt, daß sich solche Fachmärkte am Rande der Innenstadt ansiedeln. (Beispiel: Die Stadt Augsburg hat sich in den 90er
Jahren gegen eine solche Ansiedlung innerhalb der
Stadt entschieden). Wie immer die Kommune entscheidet - in jedem Fall gehen die Umsätze der Fachmärkte zu Lasten des innerstädtischen Facheinzelhandels.
2. STRATEGIEN FÜR DIE KÖLNER CITY
Differenzierung
Die Differenzierung des Angebotes sollte der Differenzierung der Gesellschaft entsprechen. Tatsächlich ist dies der Fall, aber nicht in ausreichendem Maße. Der hohe Filialisierungsgrad läßt sich
vermutlich kaum verringern. Umso wichtiger ist es, die Kleinteiligkeit der Geschäfte und des Angebots in den Nebenstraßen der City zu erhalten. Die hohe Filialisierung läßt aber die einzelnen
Straßen ähnlicher werden.
Die Frage ist, ob die City ihren komparativen Vorteil eher dadurch gewinnt, sich stärker auf die Mittelschicht und die obere Mittelschicht zu konzentrieren.
Kompaktheit
Innenstädte sollten ein kompaktes Gebiet umfassen, das sich zudem leicht erfassen läßt. Im Gegensatz zu anderen Innenstädten erschließt sich die Kölner City nicht sofort,
sondern hat zu viele Teilgebiete. Besucher benötigen aber eine klare kognitive Landkarte. Sie ist im Falle Düsseldorfs durch die Achse Königsallee sehr einfach zu gewinnen; selbst in der
weitläufigen City von Hamburg prägt sich der Weg vom
Gänsemarkt bis zum Hauptbahnhof sehr rasch ein. Es ist denkbar, die City zu "verengen", indem an den Rändern Einzelhandelsbesatz zurückgenommen wird, um die City
übersichtlicher zu machen.
Um das jedoch zu entscheiden, wäre zu ermitteln, wie sich die Besucher der City orientieren und welche typischen Wege sie in der City wählen. Darüber hinaus sollten Wege - im buchstäblichen Sinne
- gefunden werden, Besuchern die Orientierung in der City zu erleichtern. Das geschieht weniger dadurch, Pläne zu verteilen, sondern vielmehr dadurch, daß die Wege zwei attraktive Punkte
miteinander verbinden.
Ladenschlußzeiten
Um die City zu beleben, bietet das neue Ladenschlußgesetz bessere - und längst überfällige - Chancen. Die Kölner City bietet im besonderen Maße die Möglichkeit, sehr unterschiedliche Aktivitäten
zu koppeln; vom Einkauf über den Gaststättenbesuch bis zum Besuch von Ausstellungen und Museen; ein unter den deutschen Städten wohl einmaliges Angebot an Einzelhandel, Gaststätten und
Museen.
Dieses Angebot und die Kopplungsmöglichkeiten lassen sich wesentlich besser nutzen, wenn nicht nur die Geschäfte bis 20 Uhr geöffnet haben, sondern auch andere Einrichtungen, wie z.B. Banken,
Behörden. Museen, Ausstellungen. Das wird nicht
jeden Tag möglich sein, aber es sollte an für alle einheitlichen Tagen geschehen.
Ferner sollte man den Besuchern die Möglichkeit geben, ihre Pakete zwischen den Einkäufen abzugeben und am Abend wieder abzuholen. In Hamburg hat der Hamburger Verkehrsverbund am Jungfernstieg an
langen Sonnabenden einen Bus bereitgestellt, in dem die Besucher kostenlos ihre Pakete abgeben konnten. Vermutlich wäre es besser, solche Abgabestellen an mehreren Punkten der City, jeden
Wochentag und bis 22.30 Uhr einzurichten.
Zielgruppen - spezifische Strategien
Strategien, um die Attraktivität der Innenstadt zu steigern, müssen zielgruppenspezifisch sein. Dazu läßt sich eine Gruppierung der Innenstadtbesucher nach deren
Wohnort vornehmen. Hiernach lassen sich vier Gruppen von tatsächlichen und potentiellen City-Besuchern unterscheiden:
- die Bewohner der Stadt,
- die Bewohner des Umlandes,
- die Teilgruppe der Bewohner der Stadt und des Umlandes, die ihren Arbeitsplatz in der City haben,
- Touristen.
Die einzelnen Gruppen sind unterschiedlich groß, mit ungleichen Anteilen unter den City-Besuchern vertreten und kommen in die City um zum Teil anderer Aktivitäten
willen.
Die wichtigste Zielgruppe, auf die sich die attraktive City richtet, sind die Stadtbewohner. Sie werden sich am ehesten gewinnen lassen, wenn die Vielfalt des Angebots
auch der Differenzierung der Stadtbewohner entspricht, also Kleinteiligkeit gefördert wird. Die Zahl der Besucher der zweiten Gruppe, den Umlandbewohnern, macht in den meisten Großstädten
immerhin die Hälfte der City-Besucher aus. Deren
Zahl lässt sich nur bedingt steigern, da sie eine größere Auswahl an Zentren haben, die allein von ihrer räumlichen Nähe einen Nutzen versprechen; die zusätzlichen
Kosten, bis in die City zu fahren, werden durch einen entsprechend höheren Nutzen nicht aufgewogen. Daher müssen für die Besucher aus dem Umland Parkmöglichkeiten
vorgehalten werden; sonst ist zu befürchten, daß sie ein Nebenzentrum besuchen.
Die Stadt- und Umlandbewohner, die in der City arbeiten, stellen für viele Geschäfte eine Art Garantie für Mindestumsatz dar. Die Attraktivität der City wird demnach
durch die Zahl der dort vorhandenen Arbeitsplätze größer, Verluste von Arbeitsplätzen in der City sollten daher verhindert werden. Ferner sollten das Wohnen in den innenstadtnahen Gebieten
erhalten und noch gefördert werden.
Die letzte Gruppe ist die der Touristen, einschließlich der Besucher von Kongressen, Ausstellungen und Festivals. Die "PopKomm" 1996 hat gezeigt, daß es von den
Ideen und dem Geschick von Organisationen und einer aufgeschlossenen städtischen Verwaltung abhängt, wie sich mehr Touristen in die Stadt - die Innenstadt! -
ziehen lassen.
City - Management
Bereits heute ist zu fragen, ob man die City dem Markt überlassen sollte. Staffelung der Mieten und Branchenmix lassen sich nur durch ein City-Management erreichen.
Auch die Abdrängung oder bestenfalls neuerliche Konzentration des Einzelhandels in Seitenstraßen der City ist nur dann erforderlich, wenn die Geschäfte hier über längere
Zeit bestehen können. Das Ziel ist, ein Management analog dem der Center- oder Passagen- Managements zu entwickeln. Hiermit lassen sich die Mietstaffelung und ein Branchenmix erreichen, wobei die
erstere eine Voraussetzung der zweiten ist. Streng genommen erfordert dies von den Grundstücksbesitzern, in Einzelfällen unter den am Markt erzielbaren Renditen zu bleiben, um einen größeren
Branchenmix zu fördern. Das mag eine unrealistische Forderung sein; sie ist bislang auch in keiner anderen Stadt erfüllt worden. Dennoch ist sie ein notwendiges Element einer
gemeinsamen Strategie und wir sollten uns nicht scheuen, darüber zu diskutieren, ob sie denn völlig zu verwerfen ist.
Die City ist traditionell das Gebiet der größten Angebotsvielfalt in einer Stadt, sie ist auch der historische Kern der Stadt und mithin auch der Ort der Identifikation - sei es der Bürger mit
ihrer Stadt, sei es der Stadt durch Besucher. Sie ist damit im
sozialwissenschaftlichen Sinne ein Kollektivgut. Um es zu erstellen und zu erhalten, sind Beiträge vieler notwendig - womit zugleich die Wahrscheinlichkeit steigt, daß es viele
Trittbrettfahrer gibt. Diesem Dilemma kann man auf zwei Weisen entgehen:
- Die Beitragenden erhalten selektive Anreize, z.B. Vergünstigungen.
- Diejenigen, die ein besonders großes Interesse an einem Kollektivgut haben, weil sie sich auch einen hohen Nutzen davon versprechen, leisten einen größeren Beitrag.
Diese ersten und größeren Beiträge werden gemeinhin andere - in Kombination mit selektiven Anreizen - dazu bringen, auch beizutragen.
- räumlich: der Betroffenen in allen wichtigen Straßen der City;
- des Einzelhandels, der Warenhäuser, der Dienstleistungsbetriebe und auch der Museen;
- der Mieter und der Grundstücksbesitzer;
- der City-Gemeinschaft und der Verwaltung.
Die Kölner City braucht keinen City-Manager, wie ihn das Stadtplanungsamt Hannover im Februar 1996 einzustellen ankündigte. Die Stadt hängt von der City und die City von dem Ruf der Stadt ab -
also kann es nur eine gemeinsame Aktion, eine Bündelung der Kräfte, geben, um die spezifischen Qualitäten der Kölner City hervorzuheben und auszubauen.
Interessengemeinschaft Neumarkt e. V. Köln